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Vom Bierzelt in den Konzertsaal- die Blasmusik im Wandel

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Vom Bierzelt in den Konzertsaal – die Blasmusik im Wandel

Die meisten Leute denken bei dem Wort „Blasmusik“  zunächst an dicke Backen und alte Männer mit Rasierpinsel-Hut, an Weißwurst, Bier und Lederhosen. Dass diese alten Vorurteile mit der heutigen sinfonischen Blasmusik rein ganz nichts mehr gemein haben, wissen die Wenigsten.

Der sinfonische Bläserklang, wie er beispielsweise bei einem Konzert der Mannheimer Bläserphilharmonie zu hören ist, überzeugt den Zuhörer vom Gegenteil aller Vorurteile und verweist das „Bierzelt-Image“ in seine Schranken. Nur noch wenig erinnert an die einstigen Anfänge des Musikgenres, dessen Wurzeln in kleinen Dorfkapellen im Süden Deutschlands liegen. Hier diente die Musik bei religiösen Feiertagen der Unterhaltung der Gesellschaft.

Zwar ist es richtig, dass die Blasmusik ein wichtiges unterhaltendes Element auf Festen im Bierzelt und bei religiösen Feiertagen darstellt und rechtfertigt die mit ihr verbundenen Assoziationen damit auf eine gewisse Art. Dennoch hat die Blasmusik einen enormen Wandel durchschritten und füllt inzwischen selbst die großen Konzertsäle der Welt.Wo liegen die Ursprünge dieses Genres und welche Entwicklung trug dazu bei, dass man Blasmusik nicht mehr als reine „Bierzelt-Musik“ ansehen kann?

Blasmusik ist eine überwiegend für Bläser komponierte Musik. Bereits in der Steinzeit spielte man auf Knochenflöten und auch „die Posaunen von Jericho“ oder „die Fanfaren von Rom“  können zu den Anfängen der Blasmusik gezählt werden. Ihren eigentlichen Ursprung findet sie Ende des 18. Jahrhunderts in der Militärmusik. Mitte des 19. Jahrhunderts entstehen die ersten Harmoniegemeinschaften, die teilweise noch bis heute bestehen. Diese Blaskultur entwickelte sich überwiegend in Preußen, Süddeutschland und Österreich.Einen hohen Stellenwert mit einer seit 250 Jahren bestehenden Tradition nimmt die Blasmusik vor allem in Süddeutschland ein. Hier hat fast jedes Dorf einen eigenen Musikverein, es bestehen sogar mehr Musik- als Fußballvereine.  Auch hier erfüllen sie anfangs nur den Zweck der Unterhaltung. Nur was zeichnet im Gegensatz dazu die zeitgenössische sinfonische Blasmusik aus? Woran ist der seriöse und akademische Anspruch des Musikgenres festzumachen? Weil nur Wenige eine Antwort auf diese Fragen kennen, verharren viele bei den alten Vorurteilen und verpassen somit ein einzigartiges Hörerlebnis.

Seit den Ursprüngen der Blasmusik hat sich diese immer weiterentwickelt. Die Märsche wurden anspruchsvoller, die Polka vielseitiger und auch der Fortschritt im Instrumentenbau schaffte neue klangliche Möglichkeiten, sodass sich bald immer mehr Komponisten der Blasmusik widmeten.Durch die Anpassung an zeitgenössische Gegebenheiten und gewagteren Kompositionen erreichte  dieses Genre eine immer größer werdende Popularität.

Die Entstehung konzertanter Werke, die speziell für Blasorchester komponiert wurden ebnete zusammen mit den neuen Arrangements von klassischen Werken den Weg hin zur Sinfonischen Blasmusik. Man hüllte alte Werke in neuen Klang – Umgeschrieben und in ein neues Gewand gesteckt erklingen sie dann im sinfonischen Zusammenspiel der Bläser.  Was hätte wohl  Bedrich Smetana dazu gesagt, wenn er seine Moldau von einem Blasorchester gehört hätte? Wäre Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Nussknacker am Ende des 19. Jahrhunderts in einer reinen Bläserbesetzung auf Wohlgefallen gestoßen? Wir wissen es nicht. Denn gerade in der Mitte des 20. Jahrhunderts machte die sinfonische Blasmusik riesige Fortschritte. Es entstehen Klassifikationen der Werke in Unter-, Mittel-, Ober- und Konzert-Stufe, Jugendmusikschulen und Wettbewerbe werden ins Leben gerufen. Klein angefangen von einem Musikfest mit Wertungsspielen der umliegenden Kapellen über regionale und nationale Wettbewerbe bis hin zur Elite der Amateurorchester: Dem World Music Contest (WMC) in Kerkrade, Niederlande. Bei den Wertungsspielen in unterschiedlichen Divisionen stellen sich Amateurorchester aus der ganzen Welt beim WMC einer hochkarätigen Jury, die von den Hobby-Musikern höchstes Niveau erwartet. Vier Wochen lang steht die kleine Stadt nahe der deutschen Grenze im Zeichen der Blasmusik. Unzählige freiwillige Helfer tragen alle vier Jahre dazu bei, dass ihre Stadt den Mittelpunkt des weltweiten Interesses der Blasmusikszene bildet.

Die Mannheimer Bläserphilharmonie bei ihrem Wertungsspiel beim WMC 2009 in Kerkrade.

Allerdings zeigen die Orchester nicht nur bei Wettbewerben ihr Potential. Für jedes gibt es noch ein weiteres Ziel: ein großes Jahreskonzert mit Originalkompositionen der zeitgenössischen Blasmusik und Arrangements großer klassischer Werke. Solche Konzerte sind immer wieder ein Erlebnis: Die Verspieltheit der einzelnen Register, die Klangqualität und Prägnanz des Tuttis, sowie die erstaunliche Abwechslung der facettenreichen Klangfarben von hell bis dunkel, von leicht-tänzerischen Melodien der hohen Holzbläser bis hin zu schwer-tragenden Rhythmen des tiefen Blechs. Jene musikalische Bereicherung haben wir großartigen Komponisten zu verdanken, die das  Ziel  durch reine Bläserbesetzung ein großes Klangerlebnis zu erreichen mit Bravour verfolgen. Rolf Rudin zum Beispiel. Jedes seiner Werke hat einen eigenen Charakter, ein jedes einzigartig in seiner Komposition. Auch Philipp Sparke sowie Johan de Meij sind zwei bekannte Vertreter dieses Genres und lassen durch ihre Musik die Herzen der Liebhaber höher schlagen.

Aber ist nun der Unterschied zwischen dem angesehen und als seriös geltenden Sinfonieorchester und einem Sinfonischen Blasorchester so groß?  Schauen wir uns hierzu das Wort „Sinfonische Blasmusik“ genauer an. Sinfonisch bedeutet ‚zusammenklingend‘ und ‚harmonisch‘. Wie man es von einem großartigen Sinfonieorchester gewohnt ist.  Allein die Besetzung, die eher auf Bläser spezialisiert ist, macht dann den rein klanglichen Unterschied. Auch schon in der frühen Blasmusik wurde Wert auf den Zusammenklang gelegt, jedoch wurde dieser in der weiteren Entwicklung durch neue instrumentelle Möglichkeiten immer nuancenreicher und Komponisten schufen klanglich neuartige Werke. Durch diesen Wandel steht die sinfonische Blasmusik in Deutschland heute genau da, wo sie hingehört: Auf einer Ebene mit Musikgenres wie Klassik, Jazz, Blues und Swing.  Die positive Resonanz der Hörer spiegelt sich in den gefüllten Konzertsälen der Bundesrepublik wider. Dennoch: es bleiben oft auch Plätze leer, weil nur wenige von einem Konzert mit reiner Bläserbesetzung ein klanglich einzigartiges Erlebnis erwarten.

Somit kann man grob festhalten, dass der minimale Unterschied zwischen dem von der Allgemeinheit hoch angesehen Sinfonieorchester und dem eher als „uff-ta-ta“ verrufenen sinfonischen Blasorchester allein klanglicher und besetzungstechnischer Natur ist. Eine Degradierung auf Kosten des sinfonischen Blasorchesters ist ein Trugschluss.

Ein Beitrag von Eva Elena Mayer.

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Written by kulturmultimedial

März 10, 2011 um 2:28 pm

Veröffentlicht in Geschriebenes, Kulturmultimedial

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